Zu Gast
Wolfram Eberhardt
Bereichsleiter Medien & Kommunikation
Erzbistum Köln
October 9, 2026
7Yo1g-4GhIw
https://open.spotify.com/episode/6n3ttuIUMYfKYnNvyiL8j3?si=c4162373e89747a7
Inhalt
Folge 28
·
45 Min.

Darf KI den Menschen ersetzen?

Mit mehr als 10.000 Beschäftigten, einer eigenen IT, einem KI-Board und wirtschaftlichem Druck durch sinkende Einnahmen ähnelt das Erzbistum Köln in vielen Fragen einem großen Unternehmen. Gleichzeitig zieht die Kirche Grenzen, die andere Organisationen oft erst noch definieren müssen. Simon Biela spricht mit Wolfram Eberhardt, Bereichsleiter Medien & Kommunikation und Pressesprecher des Erzbistums Köln, über Enterprise-KI, Effizienz und die Frage, welche Arbeit nicht automatisiert werden darf. Sichtbar wird ein Konflikt, der weit über die Kirche hinausreicht. KI kann Abläufe beschleunigen. Aber sie zwingt Organisationen auch dazu, den Wert menschlicher Arbeit neu zu bestimmen.

„Wir wollen unsere Arbeit verbessern. Aber KI ist kein Restrukturierungsprojekt.“

KEY FACTS

  • Das Erzbistum Köln beschäftigt mehr als 10.000 Menschen und führt eine eigene Enterprise-KI ein
  • KI strukturiert Projektanträge und Informationen, die endgültige Entscheidung bleibt beim Menschen
  • Ein KI-Board verbindet technologische Entwicklung mit Governance und Verantwortung
  • Wirtschaftlicher Druck macht Effizienz notwendig, aber KI soll kein Restrukturierungsprojekt sein
  • Seelsorge, Predigt und menschliche Nähe markieren die Grenze der Automatisierung

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Die Kirche ist auch eine Organisation

Kirche wird häufig als Glaubensgemeinschaft wahrgenommen, weniger als komplexe Organisation. Das Erzbistum Köln beschäftigt jedoch mehr als 10.000 Menschen in Verwaltung, Schulen, Kindertagesstätten, pastoralen und sozialen Diensten. Es verwaltet Budgets, Daten, Projekte und eine umfangreiche IT-Landschaft. Damit entstehen viele der gleichen Fragen wie in Unternehmen. Welche Anwendungen schaffen einen messbaren Nutzen? Wer trägt Verantwortung? Wie werden sensible Daten geschützt? Und wie verhindert man, dass einzelne Bereiche unkontrolliert eigene KI-Lösungen einsetzen? Das Erzbistum verteilt seine Enterprise-KI deshalb nicht flächendeckend. Bereiche bewerben sich mit konkreten Anwendungsfällen. Technologie wird nicht eingeführt, weil sie verfügbar ist, sondern weil sie ein nachvollziehbares Problem lösen soll.

KI sortiert, der Mensch entscheidet

Ein konkreter Anwendungsfall liegt in der Bewertung internationaler Hilfsprojekte. Anträge erreichen das Erzbistum aus unterschiedlichen Ländern, Sprachen und Situationen. KI kann Unterlagen übersetzen, strukturieren und vergleichbar machen. Die Entscheidung, welches Projekt unterstützt wird, überlässt die Kirche ihr aber nicht. Fachleute prüfen die Informationen, sprechen mit den Menschen vor Ort und reisen bei größeren Vorhaben selbst in die Region. Diese Arbeitsteilung ist auch für Unternehmen relevant. KI kann den Zugang zu komplexen Informationen beschleunigen. Verantwortung verschwindet dadurch nicht. Je stärker eine Entscheidung Menschen betrifft, desto wichtiger wird die Frage, wer sie prüft, begründet und am Ende persönlich vertritt.

Effizienz ist kein Selbstzweck

Das Erzbistum steht unter realem wirtschaftlichem Druck. Die Zahl der Mitglieder sinkt, Einnahmen gehen zurück und Budgets müssen angepasst werden. Enterprise-KI soll deshalb Arbeit beschleunigen, Inhalte schneller aufbereiten und Beschäftigte von Routinen entlasten. Wolfram Eberhardt zieht jedoch eine klare Grenze. KI soll die Arbeit verbessern, aber nicht als verkapptes Restrukturierungsprogramm dienen. Genau darin liegt der Transfer auf Unternehmen. Produktivitätsgewinne beantworten noch nicht die Frage, was mit der gewonnenen Zeit geschieht. Werden Leistungen besser, entstehen zusätzliche Kapazitäten oder fallen Stellen weg? Die Entscheidung darüber trifft nicht die Technologie. Sie ist eine Führungsfrage, die Organisationen nicht an ein Effizienzversprechen delegieren können.

Wo der Mensch unersetzlich bleibt

Besonders deutlich wird die Grenze bei Seelsorge, Predigt und Bildung. Eine KI kann Informationen ordnen, Texte zusammenfassen und möglicherweise sogar überzeugend auf persönliche Fragen reagieren. Doch für die Kirche besteht Seelsorge nicht nur aus einer passenden Antwort. Sie lebt von Beziehung, Glauben, Verantwortung und dem Vertrauen in einen anderen Menschen. Deshalb lässt sich der Wert dieser Arbeit nicht allein über Geschwindigkeit oder Kosten messen. Ähnliche Bereiche gibt es auch in Unternehmen. Führung, Beratung, Vertrieb, Pflege oder Konfliktlösung beruhen auf Vertrauen und persönlicher Verantwortung. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob eine Maschine eine Aufgabe technisch ausführen kann. Entscheidend ist, was verloren geht, wenn kein Mensch mehr dafür einsteht.

Was verändert sich wirklich?

KI verändert nicht nur einzelne Abläufe. Sie zwingt Organisationen dazu, ihren eigenen Kern genauer zu bestimmen. Was ist Routine und darf automatisiert werden? Wo braucht es menschliches Urteil? Welche Aufgaben stiften ihren Wert gerade durch Beziehung, Erfahrung oder Verantwortung? Das Erzbistum Köln liefert darauf keine allgemeingültige Formel, aber einen klaren Maßstab. Effizienz bleibt wichtig, darf jedoch nicht zum alleinigen Ziel werden. Für Unternehmen entsteht daraus eine neue Spielregel. Bevor sie festlegen, was KI übernehmen soll, müssen sie entscheiden, welche Arbeit menschlich bleiben muss. Technologie kann diese Grenze nicht ziehen. Das kann nur die Organisation selbst.

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