
Ein Blumenhändler möchte Zahlungen über Unzer anbieten. Zunächst prüft Unzer den Händler und seine Geschäftsunterlagen. KI bereitet die Daten vor, ein Mensch entscheidet über die Aufnahme. Bestellt später ein Kunde Blumen auf Rechnung, prüft Unzer dagegen das Zahlungsrisiko des Käufers und entscheidet vollautomatisch in Sekunden. Zwei Prüfungen, unterschiedliche Verantwortung. Doch wie aufmerksam schaut der Mensch noch hin, wenn die KI fast immer richtige Daten liefert? Simon Biela spricht mit Jacob von Ingelheim, der bei Unzer Risiko und Transformation verantwortet, darüber, wie Automatisierung und wirksame Kontrolle zusammenpassen.
„Die KI bewertet. Wir entscheiden.“

Beim Blumenhändler beginnt die Veränderung nicht mit einer autonomen Entscheidung, sondern mit den Unterlagen. Ausweise und Registerauszüge liefern Daten, die zuvor manuell übertragen wurden. KI übernimmt Teile dieser Arbeit und bereitet die menschliche Prüfung vor. Für den besprochenen Prüfschritt nennt Jacob eine Verkürzung von ungefähr 15 auf drei Minuten. Die hohe Trefferquote bezieht sich auf das Auslesen und Übertragen von Dokumentendaten, nicht auf die Richtigkeit sämtlicher Entscheidungen. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Eine saubere Datengrundlage erleichtert die Arbeit, ersetzt aber noch keine Verantwortung für die Aufnahme eines Händlers. Erfahrene Mitarbeitende können sich stärker komplexen Eigentümerstrukturen widmen. KI verändert damit zunächst, wo menschliche Erfahrung gebraucht wird, nicht automatisch, wer die Entscheidung trifft. Die menschliche Entscheidung bleibt bei Unzer Teil dieses regulierten Prozesses.
Ein Mensch schaut noch einmal darauf. Das klingt nach einer klaren Absicherung. Simon stellt jedoch die Frage, wie aufmerksam dieses zweite Augenpaar bleibt, wenn die vorbereiteten Daten fast immer stimmen. Je seltener Fehler auftreten, desto schwieriger kann ihre Entdeckung werden. Jacob bezeichnet diese Frage als berechtigt und verweist auf weitere Kontrollen, darunter monatliche Stichproben durch die Compliance und übergeordnete Prüfungen. Im Gespräch entsteht deshalb kein pauschales Urteil gegen menschliche Kontrolle. Sichtbar wird vielmehr, dass ihre Wirksamkeit selbst überprüft werden muss. Für Unternehmen verschiebt sich die Aufgabe. Es reicht nicht, einen Menschen am Prozessende vorzusehen. Sie müssen benennen, welche Fehler er finden soll, und prüfen, ob das tatsächlich gelingt. Vertrauen in KI braucht einen nachvollziehbaren Maßstab, nicht nur ein zusätzliches Häkchen.
Beim Rechnungskauf gelten andere Bedingungen als bei der Aufnahme eines Händlers. Eine Kundin bestellt Blumen, wählt die Zahlungsart und erwartet, dass die nächste Seite sofort erscheint. Unzer bewertet im Hintergrund, ob es die Forderung übernehmen will. Die Entscheidung läuft bereits vollautomatisch; eine menschliche Einzelprüfung ist in diesem Zeitfenster nicht vorgesehen. Jacob beschreibt eine Antwort innerhalb von maximal zwei Sekunden. Mehr Daten können helfen, legitime Kunden nicht unnötig abzulehnen. Gleichzeitig kosten zusätzliche Informationen und Modelle Geld, während Zahlungsausfälle bei Unzer liegen. Die Frage ist deshalb nicht einfach, welches System am meisten erkennt. Entscheidend ist, welche Prüfung bei knapper Zeit und begrenzter Marge sinnvoll ist. Technische Möglichkeiten müssen sich an den wirtschaftlichen und organisatorischen Bedingungen des jeweiligen Prozesses messen lassen.
Ein Zugang zur KI verändert noch keinen Arbeitsalltag. Jacob beschreibt, wie nach der Bereitstellung zunächst nur ein kleiner Teil der Mitarbeitenden aktiv wurde. Einzelne Veranstaltungen schafften Aufmerksamkeit, doch daraus entstand nicht automatisch dauerhafte Nutzung. Unzer setzte deshalb stärker auf Lernzeit und konkrete Beispiele aus dem eigenen Unternehmen. Während einer internen KI-Woche konnten Mitarbeitende Anwendungen zeigen, ausprobieren und auf ihre Arbeit beziehen. Unterstützende Teams helfen außerdem, Ideen weiterzuentwickeln und Hindernisse zu überwinden. Der organisatorische Punkt reicht über diesen Einzelfall hinaus. Menschen brauchen nicht nur eine Lizenz, sondern Gelegenheit, eine andere Arbeitsweise einzuüben. Wer KI ausschließlich als zusätzliche Aufgabe neben dem Tagesgeschäft behandelt, erschwert diese Veränderung. Die Technik wird erst wirksam, wenn sie in Abläufe passt und Menschen ihren konkreten Nutzen erkennen.
KI verändert bei Unzer nicht nur die Geschwindigkeit einzelner Aufgaben, sondern die Verteilung von Arbeit und Kontrolle. Routinedaten werden vorbereitet, komplexe Fälle erhalten mehr Aufmerksamkeit, und beim Rechnungskauf müssen Entscheidungen weiterhin in Sekunden fallen. Jacob verbindet diese Entwicklung mit der Perspektive, mehr Geschäft mit derselben Mannschaft bewältigen zu können. Das ist ein Unternehmensziel, keine Garantie für jeden KI-Einsatz. Ebenso wenig folgt aus Regulierung, dass sich gar nichts automatisieren lässt. Geeignete Teilprozesse können einen Einstieg bieten, ohne bestehende Pflichten zu umgehen. Die neue Führungsaufgabe liegt darin, diese Unterschiede sauber zu benennen. Was darf ein System vorbereiten, was darf es entscheiden, und wie werden verbleibende Fehler erkannt? Wirksame Automatisierung braucht überprüfbare Qualität und klare Verantwortung, nicht bloß Vertrauen in immer bessere Ergebnisse.
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