
Filialnetze, Warensteuerung, Marketingprozesse und Einkaufsentscheidungen prägen seit Jahrzehnten die Struktur des stationären Handels. Doch mit dem Aufstieg datengetriebener Systeme und generativer KI stellt sich eine grundlegende Frage: Verschiebt sich die Logik dieses Geschäfts gerade so stark, dass Entscheidungen, Prozesse und Kundenerlebnisse neu organisiert werden? Simon spricht mit Severin Canisius, CIO von DEICHMANN, über den praktischen Einsatz von KI im Handel, die Rolle von Millionen digital vermessener Füße und darüber, warum der eigentliche Wandel nicht in einzelnen Tools liegt, sondern in einer neuen Art, wie Unternehmen Daten, Wissen und Entscheidungen verbinden.
„KI wird uns maximal unterstützen, die Tätigkeiten effizienter zu gestalten, auf die wir vielleicht heute alle nicht mehr so viel Lust haben.“

Der stationäre Handel ist stark operativ geprägt. Filialen, Mitarbeitende, Warenbewegungen und Kundenerlebnisse greifen direkt ineinander. Mit KI entsteht erstmals die Möglichkeit, diese Ebenen nicht nur digital abzubilden, sondern systematisch miteinander zu verbinden und in Echtzeit auszuwerten. Daten aus Beratung, Verkauf, Logistik und Kundenverhalten fließen in Modelle ein, die Prognosen ermöglichen, Muster erkennen und konkrete Entscheidungen vorbereiten. Dabei ersetzt KI nicht den Handel selbst, sondern verändert die Art und Weise, wie er gesteuert, priorisiert und im Alltag operationalisiert wird, von der Warenverfügbarkeit bis hin zur Kundenansprache in der Filiale.
Ein zentraler Baustein dieser Entwicklung ist die konsequente Nutzung von Daten im großen Maßstab, die weit über klassische Verkaufszahlen hinausgeht. Bei DEICHMANN spielen dabei unter anderem Millionen digital erfasster Fußmessungen eine Rolle, die detaillierte Muster über Größenverteilungen, Wachstum, saisonale Entwicklungen und Kaufzyklen sichtbar machen. Diese Datenbasis ermöglicht nicht nur eine präzisere Planung, sondern auch eine deutlich feinere Steuerung der Warenverfügbarkeit im stationären Geschäft über Länder, Regionen und Filialen hinweg. Der Wettbewerb verschiebt sich damit zunehmend weg von der reinen Standortlogik hin zur Qualität der zugrunde liegenden Daten- und Systemarchitektur.
Auch im Marketing verändert sich die operative Realität des Handels spürbar und in vielen Bereichen bereits sehr konkret. Bilder, Kampagnenmaterial, Produktvisualisierungen und digitale Inhalte entstehen zunehmend mit Unterstützung generativer KI-Systeme, oft in Kombination aus realen Produktdaten und synthetisch erzeugten Szenen. Dadurch werden Produktionszyklen nicht nur kürzer, sondern auch deutlich flexibler, da Inhalte schneller an Trends, Kanäle und Zielgruppen angepasst werden können. Gleichzeitig entsteht ein neues Zusammenspiel aus kreativer Steuerung, Markenführung und automatisierter Generierung, das klassische Produktions- und Abstimmungsprozesse ergänzt und teilweise fundamental neu strukturiert.
Trotz wachsender Automatisierung bleibt die finale Entscheidung im Handel weiterhin stark menschlich geprägt und bewusst so gestaltet. Besonders im Einkauf wird KI als unterstützendes System verstanden, das Prognosen liefert, Muster sichtbar macht und Entscheidungsoptionen strukturiert aufbereitet. Die langjährige Erfahrung der Mitarbeitenden bleibt dabei nicht nur erhalten, sondern wird gezielt als komplementäre Intelligenz zur datenbasierten Logik eingesetzt. Ziel ist kein Ersatz bestehender Rollen, sondern eine präzisere, schnellere und besser informierte Entscheidungsfindung, bei der menschliche Expertise und maschinelle Analyse gemeinsam bessere Ergebnisse ermöglichen.
Die entscheidende Veränderung liegt nicht im isolierten Einsatz einzelner KI-Tools oder neuer Softwarelösungen, sondern in der zunehmenden Verzahnung von Daten, Prozessen und Entscheidungen über alle Ebenen des Handels hinweg. Dadurch wird die Steuerung des Geschäfts datengetriebener, die Reaktionsgeschwindigkeit höher und die Transparenz über operative Abläufe deutlich größer als in klassischen Strukturen. Unternehmen, die diese Verbindung früh herstellen und systematisch ausbauen, schaffen die Grundlage für eine neue Form der Handelslogik, die den stationären Kern nicht ersetzt, aber seine Funktionsweise im Inneren deutlich verändert und neu organisiert.
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