
Auf LinkedIn und jeder Konferenz dreht sich alles um KI. Doch wer in viele deutsche Unternehmen hineinsieht, findet davon kaum etwas. Liegt das an der Technologie oder an den Menschen? Simon Biela spricht mit Alex Dickmann, der mit dem AI Village genau die Hürden bei der KI-Einführung abbaut. Sie beleuchten den realen Stand in deutschen Unternehmen, die fünf größten Hemmnisse und warum der entscheidende erste Schritt selten ein technischer ist.
„Eine Technologie einzuführen trifft häufig auf Menschen und die muss ich mitnehmen, die muss ich für das Thema begeistern."

Dickmann zeichnet ein nüchternes Bild: Zwar geben rund 15 bis 20 Prozent der Unternehmen an, KI einzusetzen, doch oft verbirgt sich dahinter wenig mehr als ein Chatbot auf der Website – von echter Integration in den Arbeitsalltag sei das weit entfernt. Vorreiter wie die Schwarz-Gruppe oder Continental gibt es, doch ein KI-natives Schwergewicht im Stil von Microsoft oder Google fehle Deutschland. In der Breite dominieren Proof-of-Concept- und MVP-Phasen. Sein Rat zum Einstieg ist, problemorientiert vorzugehen, in die Fachabteilungen zu gehen und dort Quick Wins zu suchen, wie etwa eine Bilderkennung, die Mitarbeitern die unbeliebteste Aufgabe der Woche abnimmt.
Die zwei größten Hemmnisse sind für Dickmann menschlicher Natur. Da ist zum einen die Angst, geprägt von Hollywood-Bildern wie dem Terminator und von realer Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Dem hält er entgegen, dass KI kein Lebewesen sei, sondern ein Werkzeug – clevere Mathematik, die man einsetzt, um Probleme zu lösen, nicht um der KI willen. Zum anderen fehlt vielfach schlicht das Wissen. Beides lasse sich auflösen, indem man Menschen mitnimmt, sie schult und einfach ausprobieren lässt. Niemand müsse Machine-Learning-Engineer sein. Entscheidend sei Offenheit und ein Überblick über mögliche Anwendungsfälle.
Den EU AI Act sieht Dickmann grundsätzlich positiv. Regulierung schaffe Vertrauen, ähnlich wie die TÜV-Plakette beim Auto. Die Probleme lägen im Detail, denke man an fehlende Aufsichtsbehörden, unklare Schulungspflichten und politische Prozessfragen. Sein Plädoyer gilt der pragmatischen Lösung, orientiert am risikobasierten Ansatz des Gesetzes. Wo keine Menschen zu Schaden kommen, kann man Dinge einfach ausprobieren, doch wo über Menschen entschieden wird, ist Vorsicht geboten. Zugleich warnt er davor, Regulierung, wie schon bei der DSGVO, zum reflexhaften Blocker zu erklären oder als Vorwand vorzuschieben, hinter dem in Wahrheit Angst steht.
Auch Geld ist ein Hemmnis, doch oft sei es eher eine Prioritäts- als eine Budgetfrage. Erste Quick Wins beginnen schon im niedrigen fünfstelligen Bereich, teils als monatlich kündbare Service-Lösung. Das hartnäckigste Hindernis ist für Dickmann die Bequemlichkeit: „Hat doch immer so funktioniert." Dagegen helfe eine Innovationskultur und vor allem der menschliche Faktor. So wie man zum Laufen leichter mit einem Partner startet, brauche es im Unternehmen KI-Botschafter aus verschiedenen Abteilungen, die das Thema mit viralem Effekt weitertragen, etwa über einen regelmäßigen internen KI-Treff.
Für Unternehmen verschiebt sich die entscheidende Frage von der Technik zur Haltung. Nicht das neueste Modell zählt, sondern der konkrete Mehrwert eines kleinen, gut gewählten ersten Schritts. Dickmann rät, jetzt zu starten, Mitarbeiter ehrlich mitzunehmen und Effizienzgewinne zu nutzen, bevor man vor dem „Dschungel" der Möglichkeiten kapituliert. In fünf Jahren werde KI, allein über Office, SAP oder das Smartphone, in nahezu jedem Unternehmen sichtbar sein. Die eigentliche Spannung liege in der Adaptionsrate an den kritischen Punkten wie dem Geschäftsmodell. Wer schon heute beginnt, gehört zur Minderheit der Vorreiter, während rund 40 Prozent der Unternehmen KI noch gar nicht als Thema sehen. Die eigentliche Herausforderung der nächsten Jahre liegt damit nicht in der Reife der Technologie, die der betrieblichen Realität längst voraus ist, sondern in der Bereitschaft von Organisationen und Menschen, den ersten Schritt überhaupt zu gehen.
Analysen, Beobachtungen und Hintergründe über die Frage, was sich durch KI in Unternehmen wirklich verändert. Kurz, prägnant, wöchentlich. Bald in deinem Postfach.